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  5. Interview Dr. Lucassen, Hauptgeschäftsführer IHK Schwaben
Ein Geschäftsmann gestikuliert während er einem Mann etwas erklärt

Über Herausforderungen und Chancen - wir sprechen mit Dr. Marc Lucassen, Hauptgeschäftsführer IHK Schwaben

Seit dem 01. Januar 2020 ist Dr. Marc Lucassen der Hauptgeschäftsführer der IHK Schwaben. Kurz darauf brach die Corona-Pandemie aus, gefolgt von Inflation und Energiemangel – und haben aus ihm den obersten Krisenmanager der IHK Schwaben gemacht. Wir haben mit ihm über die Herausforderungen für die Wirtschaft in Bayerisch-Schwaben, die Stärken des Standortes und die Bedeutung des Messegeschäfts gesprochen.

Herr Dr. Lucassen, zwei Jahre Corona und die zusammenbrechenden Lieferketten haben die gesamte Wirtschaft gebeutelt, nun kommen die Inflation und Energiekrise. Wie ist der Standort Schwaben durch die schwierigen Jahre gekommen und was liegt noch vor uns?

Die Krisen haben der bayerisch-schwäbischen Wirtschaft viel Kraft gekostet. Seit zweieinhalb Jahren befinden sich die Unternehmen im Dauer-Krisen-Modus: erst Corona und die nicht enden wollenden Lockdowns, in der Folge Lieferketten-Probleme, der Ukraine-Krieg, explodierende Energiekosten und die hohe Inflation. Die schlechten Nachrichten scheinen nicht abzureißen. Parallel müssen wir zahlreiche strukturelle Herausforderungen meistern. Man denke nur an den Fachkräftemangel oder die digitale Transformation – das sind an sich schon Mammutaufgaben.

Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, wie robust sich die Wirtschaft in Bayerisch-Schwaben bisher zeigt, mit wie viel Entschlossenheit und Gestaltungswillen sich die Unternehmerinnen und Unternehmer all den Problemen stellen. Unsere Wirtschaft kann Krise. Die Stimmung in der bayerisch-schwäbischen Wirtschaft hat sich zum Jahresbeginn 2023 wieder spürbar aufgehellt. Bayerisch-Schwaben hat weiterhin mit die niedrigste Arbeitslosenquote in Bayern. Die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze ist zum ersten Mal seit der Corona-Krise wieder angestiegen.

Das alles darf jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass viele strukturelle Probleme nach wie vor nicht gelöst sind. Das größte Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung auch in Bayerisch-Schwaben bleiben die Energie- und Rohstoffpreise. Die Preisbremsen für Strom und Gas wirken zwar, doch die Unternehmen in Deutschland zahlen noch immer die höchsten Energiepreise im internationalen Vergleich. Die Politik ist gefordert, die strukturellen Probleme zu lösen, da ansonsten ein schleichender Verlust der wirtschaftlichen Substanz in unserer Region droht.

Welche Besonderheiten hat dieser Standort? Wo sehen Sie die Stärken – die offensichtlichen genauso wie die versteckten –, die gerade heutzutage ausgespielt werden müssen?

Die Wirtschaft in Bayerisch-Schwaben ist stark vom Mittelstand geprägt. Viele Unternehmen sind inhabergeführt, etliche sind seit Jahrzehnten in Familienhand. In diesen Betrieben zeigt sich deutlich, was Unternehmertum im eigentlichen Sinne ausmacht: ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein, eine Treue zum hiesigen Standort, eine starke Werteorientierung, verbunden mit Mut und Veränderungsbereitschaft. Diese Tugenden zahlen sich gerade in Krisenzeiten aus. Das ist sicherlich eine Besonderheit dieses Standorts. Dank dieses soliden Fundaments unserer Wirtschaft sind die Auswirkungen der Krisen in Bayerisch-Schwaben bislang nicht so spürbar wie andernorts.

Darüber hinaus ist die Region sehr breit aufgestellt. Wir haben traditionell eine starke Industrie, einen wachsenden Dienstleistungssektor, das international bekannte Hotel- und Gaststättengewerbe, das gerade in touristischen Hochburgen wie dem Allgäu von zentraler Bedeutung ist, und den Handel, der das Gesicht unserer vielen kleinen und mittleren Städte prägt. Durch den gesunden Branchenmix in Bayerisch-Schwaben ist der Standort äußerst resilient.

Viele klein- und mittelständische Unternehmen der Region sind international ausgerichtet und haben besondere Marktpositionen. Wie wirkt sich das in Zeiten wie diesen aus, die von verschiedenen Krisen geprägt sind?

Rund 3.000 bayerisch-schwäbische Unternehmen sind international aktiv. Jeden zweiten Euro verdienen die Produktionsunternehmen im Ausland. Vielschichtige Krisenlagen, wie wir sie derzeit erleben, führen zu einer großen Unsicherheit, weil die Risiken, die mit dem Auslandsgeschäft verbunden sind, immer schwieriger zu kalkulieren sind. Derzeit hemmen die hohen Energiepreise die Wettbewerbsfähigkeit unserer Betriebe. Wir halten daher eine weitere Vertiefung des EU-Binnenmarktes für dringend notwendig. Zudem müssen wir multi- bzw. bilaterale Handelsabkommen ausbauen und internationale Partnerschaften stärken.

Auch das Messegeschäft hat die letzten zwei Jahre innegehalten, teils ganz pausiert, teils auf Sparflamme geköchelt. Welche Konsequenzen hatte das für die Industrie der Region?

Die Corona-Krise hat das Messewesen ähnlich hart getroffen wie das Hotel- und Gaststättengewerbe oder den Handel. Betroffen waren nicht nur die Messegesellschaften wie die Messe Augsburg oder deren Veranstalter. Auch zahlreichen Dienstleister – vom Messebauer bis zum Caterer – hatten massive Einbußen hinzunehmen. Das hat sich unmittelbar auf die bayerisch-schwäbische Wirtschaft ausgewirkt.

Darüber hinaus ist das Messegeschäft für die exportorientierte Industrie in Bayerisch-Schwaben ein wichtiger Faktor. Messen dienen den Unternehmen als Bühne, um sich selbst und die eigenen Produkte einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Sie sind aber auch Plattformen, um neue Kontakte zu knüpfen und Geschäfte anzubahnen. Dass das Messegeschäft in der Corona-Zeit zum Erliegen gekommen ist, war für die Unternehmen daher doppelt schwierig. Bei der Suche nach Alternativen hat sich gezeigt, dass digitale Veranstaltungen das tatsächliche Zusammenkommen der Branche, die direkten Begegnungen mit Geschäftspartnern, Kunden und Wettbewerbern sowie die physischen Leistungsschauen nur bedingt ersetzen können. Insofern ist es wichtig, dass das Messegeschäft jetzt wieder angelaufen ist. Der Zuspruch der Industrie und der Zulauf des Publikums zeigen, welche Bedeutung die Messen weiterhin haben.

Industrie und Messen, das war lange eine enge Verbindung – letztere haben für Unternehmen die Plattform geboten sich zu treffen, zu vernetzen, neue Produkte zu präsentieren und Projekte zu entwickeln. Welche Bedeutung haben Messen heute für diesen Standort und seine Industrie?

An der Bedeutung der Messen hat sich nichts geändert: Sie sind entscheidend, um Geschäfte anzubahnen, sich zu vernetzen und Innovationen voranzutreiben. Sie sind internationales Schaufenster für unseren Standort oder – man denke an regionale Verbraucherschauen wie die afa – auch für unsere Region. Messen sind darüber hinaus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Bayerisch-Schwaben. Dienstleister, Messebauer, Hotels, Gastronomie – sie alle profitieren von einem florierenden Messegeschäft vor Ort. Den Augsburger Messestandort nutzen darüber hinaus viele Akteure aus der Region für ihre eigenen Veranstaltungen wie Hausmessen, Hauptversammlungen oder andere Events – übrigens auch die IHK Schwaben, die gemeinsam mit der Handwerkskammer für Schwaben jedes Jahr rund 9.000 Besucher bei der Berufsorientierungsmesse fitforJOB! empfängt, das nächste Mal am 25. März 2023.

Was sich beim Thema Messe verändert hat, ist die Kosten-Nutzen-Abwägung. Die Corona-Krise hat die digitale Transformation im Messewesen rasant beschleunigt, auch am Messestandort Augsburg. Über Nacht mussten Alternativen zur klassischen Präsenz-Messe entwickelt und umgesetzt werden. Diese Möglichkeiten – mit all ihren Stärken und Schwächen – nutzen die Unternehmen nun weiter. Sie wägen dabei allerdings stärker ab, als zuvor.

In jeder Krise steckt eine Chance: was glauben Sie, wo die Zukunft hinführt? Welche Chancen gibt es, die es unbedingt zu nutzen gilt und welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach Messen dabei?

Trotz aller schlechter Nachrichten gibt es auch positive Entwicklungen: Wir beobachten in Teilen von Politik und Gesellschaft einen wiedererstarkten Realitätssinn und Pragmatismus. Die Unternehmen in Bayerisch-Schwaben begegnen den Krisen aktuell mit Konzentration und Gestaltungswillen, so mein Eindruck. Ich bin sicher, dass unsere Region gestärkt aus dieser Zeit hervorgehen kann, wenn wir uns weiter auf unsere Stärken, nämlich unsere Widerstandsfähigkeit und unsere Veränderungsbereitschaft besinnen. Es ist wichtig, dass die Politik jetzt die richtigen Rahmenbedingungen setzt, damit die Unternehmen möglichst bald aus dem Krisen-Modus kommen und sich wieder auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können.


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